Kauf- und Spruchbrief (Schalenwinkelbrief)

1689_01

Ich, Christoph Brunschwiler von Sirnach, Ammann des würdigen Klosters Fischingen bekenne öffentlich und tue im Namen des hochwürdigen und geistlichen Herrn H. Franciskus, Abt des wohl genannten Klosters Fischingen, und mit Wissen und Willen des ehrwürdigen und weisen Herrn Christoph Baumgartner von Sirnach, Hochfürstlicher Bischöflicher Konstanzischer Ammann zu Tannegg in Balterswil mit diesem Brief allen kund, dass ich ein Jahresgericht gehalten habe. Vor mir erschienen sind die achtbaren ehrsamen und bescheidenen Johannes Brunschwiler, Gerichtsschreiber und Dorfmeier, und mit ihm Jacob Fridinger, Dorfmeier, dazu Diethelm Wehrle und Christoffel Fridinger, erwählte Anwälte und Abgeordnete der ehrsamen Gemeinde Sirnach und liessen durch ihren Fürsprecher, Herr Sebastian Müller, Sekretär des obigen Klosters vorbringen, wie die Gemeinde Sirnach einen alten, übel verderbten, von Milben und Schaben zerfressenen Pergamentbrief in der Gemeindeladen hat. Dieses Stück Gut, beim Inschlag Schalenwinkel genannt, wurde vor 214 Jahren als Gemeindegut erkauft, zu Stücken ausgemarktet und verteilt. Auf Begehren Ihrer Exzellenz Casper von Mohr, Fürstlicher Konstanzischer Rat und Obervogt zu Meersburg, aufgrund eines Streits der Hohen Gerichte ist der genannte Brief herausgegeben worden, um den Bericht zu sehen und zu vernehmen, wie dieses Stück eingetragen wurde. Darum ist es noch mehr beschädigt und mittlerweile ist das Siegel gar verloren gegangen. Er musste notwendigerweise abgeschrieben werden. Deswegen standen die beigen Dorfmeier und Ausschuss im Namen der genannten Gemeinde hier zugegen und bergehren und vertrösten sich, dass ein ehrsames Gericht ihnen den gegenwärtigen Brief wiederum anerkennen, welcher Wort für Wort lautet:

Ich Ulrich Egg Ammann zu Tannegg bestätige öffentlich mit diesem Brief, dass ich heute, des am Schluss des Briefes genannten Tages, im Dorf Sirnach im Namen des hochwürdigsten Fürst und Herren Otto Bischof von Konstanz an gewohnter Stätte zu Gericht gesessen bin. Die vor mir und vor Gericht erschienen ehrbaren Leute im Namen der Gemeinde und Dorfgenossen von Sirnach liessen durch ihren Fürsprecher Hans Issliker von Horben verlauten, dass die Dorfgenossen vor Zeiten eine Wiese gekauft hätten, die man dazumal „Messiorswis“ (Messmerswiese) genannt habe. Jetzt, am Tage des Gerichts, nennt man sie Schalenwinkel. Sie stosst über die Gasse an Heiner Lienert‘s Garten, an Sparger’s Acker, an Binder’s Ergeten (brachliegendes Land), an Weber’s Gut, an Heiner Lienert’s „Wissblätzli“, an Fridinger’s Gut und an Baumgartner’s Garten, auf der anderen Seite an Hofen. Darauf seien die genannten Dorfgenossen übereingekommen und hätten drei Nachbarn dazu ernannt und erwählt, nämlich Gross Hans Fridinger, Hassli Weber und Hans Stammer, der Alte, den Schalenwinkel zu zerstückeln und auszumarchen und zu verpachten, an die, welche begehren und im Dorf ansässig sind, wie der Rodel es ausweist, der deshalb gemacht worden ist. Es sei auch beredt worden: Wer ein Stück in Pacht hat, dem solle man es nicht nehmen, weder durch höheren Zinsens Willens noch durch lieberen Manns Willens, solange er oder seine Erben die Zinsen entrichten und im Dorf Sirnach wohnt. Wenn aber einer in Sirnach Güter hat, aber nicht hier haushablich ist, so soll man weder ihm noch seinen Erben ein solches Gut verleihen, sondern es soll den Dorfgenossen ohne irgendwelche Ansprüche „ledig sein“ (zufallen), die mögen es dann wiederum verleihen und übergeben, wem sie wollen. Es ist auch bedingt und beredt worden, dass sie einen Weg bestehen lassen sollen, so dass zwei Karren wohl aneinander vorbeifahren können. Ausserdem ist beredt worden, dass jeder dem andere zusichern solle, einem andern nicht über das Land zu fahren, ausser es sei nicht anders möglich. Der Zins von oben genannten Stücken und vom Schalenwinkel soll dem gemeinen Dorfnutzen zukommen. Darauf wünschten die Dorfgenossen, diese Ordnung möge Kraft haben, jetzt und hernach. Da fragte ich Richter (Ulrich Egg) ob Zustimmung, die Umfrage ergab eine einhellige Zustimmung. Da die Dorfgenossen seinerzeit den genannten Schalenwinkel erkauft haben und heutzutage zum Vorteil des Dorfes nützen, soll der Vertrag Kraft und Macht haben, jetzt und hernach. Zur Beurkundung habe ich, oben genannter Richter, mein eigenes Siegel an diesen Brief gehängt, dass mein gnädiger Herrn auch mir und meinen Erben keinen Schaden zufügen.

Donnerstag, 1. Mai 1475

So dann begehrten die Dorfmeier und Anwälte im Namen der Gemeinde, dass sie seinerzeit, am 13. Tag des Weinmonats (13. Oktober) 1676 von Adam Fuchs einen Infang (eingezäuntes Land), die Ergeten unter dem Kett, die einerseits an die Murg und andererseits an die Strasse zum Schallenwinkel und an Hüssler’s Gut stösst, für 260 Gulden barer Bezahlung abgekauft hätten. Dieses Stück Boden wurde durch die Dorfgenossen zerstückelt, ausgemarcht und denjenigen, die darum angehalten haben, auch wenn sie keinen Gemeindeacker hatten, mit Heusseren überlassen, jedoch mit Auferlegung eines Zinses. Wer ein Stück besitzt und haushaltend war, dem solle man den Acker nicht nehmen, solange er und seine Erben im Dorf Sirnach wohnen. Falls aber er nicht mehr in Sirnach wohnhaft ist, so soll keiner befugt sein, den Acker, welcher er von der Gemeinde erhielt, zu verkaufen, versetzen, tauschen oder vergleiche ohne Wissen und Bewilligung der Gemeinde, insbesondere kann der Acker nicht mehr selbst benutzt werden und fällt ohne Widerrede der Gemeinde heim. Damit sei alsdann wiederum Verfahren wie bisher nach ihrem Belieben und Wohlgefallen, den Acker zu verpachten. Es soll auch jeder einen Karrenweg unten durch liegen lassen und keiner dem anderen auf seinem Acker fahren. Er könne dann ohne Not auf und ab auf dem eigenen Acker fahren. Mit einem Wort: Es soll mit den Äckern im Ergeten in allem, sowohl beim Zins und Zehnten als auch bei den anderen Punkten, inskünftig so verhandelt werden und nicht anders, wie beim oben genannten Schalenwinkelbrief lautend und ausgewiesen. Daraufhin ersuchen die Dorfmeier und Anwälte im Namen der Gemeinde Sirnach das ehrsame Gericht, dieses neue Stück als auch den Schalenwinkelbrief und alle Verhandlungen anzuerkennen, damit dieses jetzt und zukünftig Kraft und Macht haben und gelten solle. Nachdem alles abgelesen und vorgebracht wurde, so fragte ich, anfangs genannter Ammann, den Richter, das Urteil rechtens zu sprechen, dass der Schalenwinkelbrief geschädigt war. Dieser Brief soll betreffend dem Ergeten als auch dem Schalenwinkel jetzt und zukünftig gänzlich und in allem seinem Inhalt zu Kräften anerkannt sein, bestehen und verbleiben. Dieses Urteil erhalten die Dorfmeier und Anwälte im Namen der Gemeinde mit einem besiegelten Brief. Um die genannten Güter, die beiden Infänge, der Schalenwinkel und Ergeten, im Amt Tannegg liegend zu wahren, hängen der oben genannte Ammann Christoph Baumgartner und der anfangs genannte Ammann Christoph Brunschwiler, ohne Schaden für die beiden Herrschaften, Amt Tannegg und Kloster Fischingen, betreffend ihrer Freiheitsreche, Gerechtigkeit, Steuern, Zinsen und Zehnten und ihre Nachkommen, öffentlich ihre Siegel an diesen Brief.

23. März 1689

Siehe dazu Chronik „Sirnach … von einst bis heute“ B 33-38 „Der Schalmenwinkelbrief von 1475 bzw. 1689“